Abklärung von Aborten

Autor: Dr. Daniel Mehne, TGD

In jedem Rinderbestand kann es passieren, dass eine Kuh abortiert, d.h. sie verliert ihr Kalb vor dem physiologischen Ende der Tragzeit. Unter Abort versteht man (nach Grunert) den Abbruch einer Trächtigkeit mit Ausstoßung eines nicht lebensfähigen, unreifen Fetus.

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Abbildung 1: unreifes abortiertes Kalb (Bild Dr. Mehne)

Bis zum 42. Tag spricht man von embryonalem Frühtod. Hier passieren auch die meisten unbemerkten Abgänge. Die Embryonen werden resorbiert und die Kühe rindern um oder lassen eine Brunst aus. Bis zur 19. Trächtigkeitswoche spricht man von Frühabort. Abgänge in der zweiten Hälfte der Trächtigkeit werden Spätaborte genannt.

In den ersten 3 Trächtigkeitsmonaten ist die Häufigkeit von embryonalem Frühtod und Aborten mit bis zu 25% in der Literatur angegeben, während in den folgenden Monaten Verwerfensfälle eher selten vorkommen. Eine jährliche Abortrate von 3-5% im Rinderbestand wird als „normal“ angesehen.

Was ist jedoch, wenn im eigenen Bestand die jährliche Abortrate höher ist?
Verwerfen bei Rindern kann ein „Einzelfall“ sein, sobald aber infektiöse Abortursachen in Frage kommen oder Toxine beteiligt sind, muss davon ausgegangen werden, dass mehrere Tiere im Bestand abortieren werden. Daher ist es wichtig schon beim ersten Tier auf Ursachenforschung zu gehen und die Abortdiagnostik einzuleiten.

Welche Abortursachen gibt es?
Hier wird zwischen nichtinfektiösen und infektiösen Ursachen unterschieden (Tabelle 1)

Tabelle 1: Abortursachen nach Grunert - Fertilitätsstörungen beim weiblichen Rind 3. Auflage

Nichtinfektiöse Ursachen
Infektiöse Ursachen
  • Fehlbildungen (z.B. chromosomale Abweichung)
  • Intoxikationen (z.B. Mutterkornalkaloid, Ergotamin oder Nitrat auch Giftpflanzen kommen in Frage)
  • Verletzungen (z.B. Hornstöße oder Stürze)
  • Streß (z.B. schmerzhafte Klauenbehandlungen, Operationen)
  • Zwillingsträchtigkeit (vor allem wenn beide Feten sich ein Gebärmutterhorn teilen)
  • Medikamente (z.B. Prostaglandine, Xylazin, Cortison, Impfungen oder allergische Reaktionen auf andere Medikamente)
  • Besamung bei bestehender Trächtigkeit
Andere Erkrankung mit hohem Fieber über mehrere Tage (z.B. Mastitis)

Bakterien:

  • Brucellen
  • Salmonellen
  • Leptospiren
  • Listerien
  • T. pyogenes
  • Coxiellen
  • Chlamydien
  • Weitere Bakterien (E. coli, S. aureus)

Viren:

  • BHV-1
  • BVD/MD Virus
  • Schmallenbergvirus
  • Blauzungenvirus

Parasiten:

  • Neospora Caninum

Vorsicht: Brucellen, Chlamydien, Salmonellen und Coxiellen (Q-Fieber) sind Zoonoseerreger und können auf den Menschen übertragen werden.

Bei infektiösen Aborterregern kommt es in den meisten Fällen zu einer Plazentitis (Entzündung des Mutterkuchens), dadurch wird der Fetus nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Es kommt zum Absterben der Frucht. Einige Erreger können über die Plazenta direkt ins Kalb gelangenund dort entweder zu Missbildungen führen oder den Fetus abtöten(z.B. BVD Virus, Schmallenbergvirus). Bei der Diagnostik sind daher die Fruchthüllen ebenso wie das tote Kalb sehr entscheidend.

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Abbildung 2: Plazentitis (Bild Dr. Schade)

Einige der oben genannten Erreger sind dank der konsequenten Bekämpfungsprogramme von geringer Bedeutung, wie zum Beispiel die Brucellose (Deutschland ist brucellosefrei) und die BHV-1 Infektionen. Bei der BVD Bekämpfung wurden ebenfalls gute Fortschritte gemacht. Trotzdem gehören auch diese Erreger weiterhin bei einer Diagnostik mit abgeklärt. Für manche Viruserkrankungen gibt es Impfstoffe (Blauzungenvirus, Q-Fieber).

Was ist bei einem Abort zu tun?
Als erstes sollten der Fetus und die Nachgeburt so schnell wie möglich in ein sauberes Behältnis (Wanne oder Müllbeutel) eingepackt werden, damit keine Flüssigkeiten austreten können. Wegen der Zoonosegefahr ist es ratsam Handschuhe zu tragen. Je mehr Abortmaterial gesichert und ins Labor gebracht wird, desto besser. Dadurch erhöhen sich die Chancen einen Erreger zu finden. Je frischer das Abortmaterial im Labor ankommt, desto weniger zersetzt sich das Gewebe, was sich ebenfalls positiv auf das Ergebnis der Untersuchung auswirkt. Falls die Proben nicht gleich abgeholt oder weggebracht werden können, sollten sie kühl gelagert werden (nicht eingefroren).
Eine Blutprobe von der Kuh allein liefert selten einen eindeutigen Aborterreger, sie kann lediglich einen ersten Hinweis liefern und zeigt mit welchen Erregern das Tier Kontakt hatte. Eine zweite Blutprobe nach 3 Wochen kann weiter Informationen liefern, z.B. ob der Antikörpertiter ansteigt.
Der Stallbereich, in dem der Abort stattgefunden hat, ist gründlich zu reinigen und zu desinfizieren.
Generell sollte zur Vorbeugung auf Biosicherheit im Bestand geachtet werden:

·         Eine stalleigene Kleidung (Stiefel und Kittel) für Tierarzt und Besamungstechniker

·         Tiere, die zugekauft wurden, sollten separat aufgestallt werden (Quarantäne)

·         Möglichst wenig Personenverkehr im Stall (Futtermittelvertreter, Viehhändler)

·         Futterhygiene (Schimmelpilzbefall bei der Futtergewinnung, Schadnagerbekämpfung, Hofhund, Vögel auf dem Futtertisch)

·         Viehwagen, Klauenstand oder Mischwagen, die von mehreren Betrieben genutzt werden, stellen ebenfalls ein Risiko zur Erregereinschleppung dar

Der Tiergesundheitsdienst Bayern e.V. bietet mit Unterstützung der Besamungsstationen bei Aborten und Missbildungen eine kostenlose Abholung und Sektion der Kälber (bis 60kg) an. Die Untersuchungsanträge können unter www.tgd-bayern.de im Downloadbereich ausgeduckt werden. Zum Anfordern der Abholung und bei weiteren Fragen bitte unter der Telefonnummer 089/9091-260 oder -291 anrufen.


Hitzestress bei der Kuh - Auswirkungen auf das Kalb

Autor: Dr. Hubert Schuster, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft, Grub

·         Hitzegestresste Trockensteher haben schlechteres Kolostrum und bringen schwächere Kälber zur Welt.

·         Kälber aus hitzegestressten Kühen werden häufiger krank und geben in den ersten beiden Laktation weniger Milch

Hitze im Kuhstall als Ursache für eine zurückgehende Milchleistung hat in Deutschland in den letzten Jahren aufgrund der zunehmenden Häufung von heißen Sommern an Bedeutung gewonnen. Kühe haben einen bestimmten Temperaturbereich, in dem sie ihr volles Leistungspotential entfalten können. Eine Hitzebelastung oberhalb dieses Bereichs (Hitzestress) führt bei Kühen zu Beeinträchtigungen in der Gesundheit, Futteraufnahme und Milchleistung. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Hitzestress gerade in der späten Trächtigkeit auch negative Auswirkungen auf das ungeborene Kalb, dessen Entwicklung und spätere Leistung zeigt.

Hitzestress und Veränderungen bei der Kuh

Senkung der Milchleistung – der negative Einfluss von Hitzestress auf die Milchleistung der Kuh ist seit längerem bekannt. Andere Länder wie Israel und USA haben sich aufgrund extremerer klimatischer Bedingungen schon sehr viel länger mit diesem Thema in Forschung und Praxis auseinandergesetzt. Bei einer Untersuchung an bayerischen Fleckviehkühen in Grub wurden Kühe in der gemäßigten/thermoneutralen Jahreszeit und bei Hitzestress mit und ohne Kühlmaßnahmen (Ventilatoren) verglichen. Bei hitzegestressten Kühen zeigten sich signifikante Erhöhungen bei Atem- und Herzfrequenz, Körpertemperatur und als Maß für Stressreaktionen der Kot-Kortisolgehalt sowie eine verringerte Milchleistung. Mögliche Ursachen für eine verringerte Milchleistung durch Hitzestress können neben einer verminderten Nahrungsaufnahme und evtl. Wassermange ein veränderter Stoffwechsel, eine Suppression des Immunsystems, Entzündungen, Verhaltensänderungen sowie eine veränderte Entwicklung und Funktion der Milchdrüse sein. Hitzegestresste Kühe neigen verstärkt zu Selektion, was zu Veränderungen in der Zusammensetzung der Pansenbakterien und infolgedessen zu einer Absenkung von pH-Wert und Essigsäure und einem Anstieg von Milchsäure im Pansen führt. Dies wirkt sich letztendlich negativ auf die Milchproduktion aus. Auch die Folgelaktation kann durch Hitzestress in der Spätträchtigkeit beeinträchtigt.

Verringerte Versorgung der Gebärmutter in der Trockenstehphase –Kühe, die in der Spätträchtigkeit Hitzestress ausgesetzt waren, haben einen veränderten Stoffwechsel und eine verringerte Futteraufnahme. Hinzu kommt eine verringerte Rück- und Neubildung des Milchdrüsengewebes. Dies sind die wesentlichen Gründe für eine anschließende verringerte Milchleistung. Gleichzeitig wird aber auch die Versorgung und die Funktion der Plazenta eingeschränkt. Da das Wachstum des noch ungeborenen Kalbes von der Nährstoffzufuhr durch die Plazenta abhängt, schränkt dies das Wachstum des ungeborenen Kalbes ein. Daneben setzt Hitzestress die Immunabwehr sowohl vor dem Kalben als auch in der Frühlaktation herab, was eine höhere Anfälligkeit für Mastitis und Atemwegsproblemen zur Folge hat. Nicht zuletzt wird auch die Bildung von Antikörpern in der Kolostralmilch beeinträchtigt.

Auswirkungen auf das Kalb

Geringeres Geburtsgewicht und verminderte Immunabwehr – Kälberföten haben in der späten Trächtigkeit und während der Trockenstehzeit ihr größtes Wachstum. Kälber von Milchkühen, die während der Trockenstehzeit Hitzestress ausgesetzt waren, werden nach einer verkürzten Tragezeit geboren und weisen aufgrund der verringerten Entwicklung der Gebärmutter und deren Durchblutung ein deutlich reduziertes Geburtsgewicht auf. Die Konzentration an Antikörpern in der Kolostralmilch von hitzegestressten Kühen ist geringer. Auch ist die Zeit, in der Kälber in den ersten Lebensstunden Antikörper durch die Darmwand aufnehmen können verkürzt. Dazu kommt nicht zuletzt noch ein vergleichsweise niedrigeres Gewicht der Thymusdrüse, die ebenfalls eine Rolle in der Immunabwehr spielt.

Auswirkungen auf die spätere Entwicklung

Bei vergleichenden Untersuchungen an Kälbern, die von Kühen mit und ohne Hitzestress in der Spätträchtigkeit stammen, kam es bei Kälbern von hitzegestressten Kühen zu signifikant höheren Verlusten aufgrund von Krankheiten, Fehlbildungen oder Wachstumsverzögerungen. Außerdem beendeten weniger Kalbinnen ihre erste Laktation bei gleichzeitig geringerer Milchleistung. Diese war auch noch in der zweiten Laktation vermindert. Diese Milchminderleistung in der ersten und zweiten Laktation zeigt sich auch noch bei deren Töchtern und Enkelinnen.

Fazit

Hitzestress hat nicht nur Auswirkungen auf die Milchkuh, sondern gerade in der späten Trächtigkeit auch auf Geburtsgewicht, Vitalität, spätere Entwicklung und Milchleistung des Kalbes. Dies kann sich aufgrund genetischer Veränderungen bis auf die übernächste Generation erstrecken. Infolgedessen sollte gerade in der späten Trächtigkeit erhöhter Wert auf den Kuhkomfort und das Stallklima gelegt werden. Eine zusätzliche Überlegung wäre, Hochträchtigkeit und Abkalbungen während der heißen Monate zu vermeiden.


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